ENSEMBLE RECHERCHE

Teints der Stille  

Younghi PAGH-PAAN

wundgeträumt, ÖEA

Alexander MOOSBRUGGER

Teint, UA

Vadim KARASSIKOV

looming outlines of autumn

Stefano GERVASONI

An

Pierluigi BILLONE

 

Mani, Giacometti

ENSEMBLE RECHERCHE
Martin Fahlenbock - Flöte. Jaime Gonzalez - Oboe. Shizuyo Oka- Klarinette. Melise Mellinger - 
Violine. Barbara Maurer - Viola. Asa Akerberg - Violoncello. Christian Dierstein - Schlagzeug.

Samstag, 7. Mai, 20.00 Uhr
Angelika-Kauffmann-Saal Schwarzenberg

Karten

Abendkasse oder Vorverkauf Bregenzerwald Tourismus: euro 14,-       
e-mail: information@tageauskunst.com

 

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Younghi Pagh-Paan
„Wundgeträumt“ (2004/2005)
für Flöte, Oboe, Klarinette, Violine, Viola und Violoncello
dem „ensemble recherche“ gewidmetDieses Gedicht von Byung-Chul Han ist die grundlegende Idee für mein Sextett für Flöte, Oboe, Klarinette, Violine, Viola und Violoncello. „Musik ohne Worte

Wundgewandert,
Wundgeweint,
Wundgeträumt,
Wundenübersät ist deine Seele.
Atme durch deine Wunden!
Laß deine Wunden blühen!
Sei ohne Mühen
Wie Narzissen in herrlicher Wirre.
Wandre
Wie dahintreibende Wolken.
Laß alles geschehen
Wie die Weiden im Winde.
Dein wundes Haupt ist noch
Kein Niemandsgesicht.
Sonne und Mond,
Des Lichts und des Schattens
Freundlicher Wechsel
Spiegeln sich nicht darin,
Das Weiß der Wolken,
Das den blühenden Zweig umfängt,
Und der Sommerregen,
Der dem Kelch der Winde sachte beugt,
Berühren es nicht.
Deine Seele ist
Nur noch eine Last.
Bis zum Tode
Trägst du schwer daran.
Schneide dir die Seele heraus,
Laß dort eine Pflaume blühen.
(Feb. 2003) Byung-Chul Han

Zum Autor:
Byung-Chul Han studiert in Freiburg i.Br. und München Philosophie, Deutsche Literatur und Katholische Theologie. Er wurde 1994 promoviert und habilitierte sich 2000. Seither ist er Privatdozent am Philosophischen Seminar der Universität Basel. Er hat u.a. folgende Bücher veröffentlicht: Heideggers Herz. Zum Begriff der Stimmung bei Martin Heidegger (1996), Todesarten. Philosophische Untersuchungen zum Tod (1998), Martin Heidegger. Eine Einführung (1999).Gegenüber unserer auch in Süd-Korea verwestlichten Gegenwart, die den subjektiven, privaten Traum nicht zur Realität rechnet, Träume aber mit Vorliebe als virtuelle Sensationen über alle Medien verbreitet, sind in der ost-asiatischen Wahrnehmung Traum, Leben und Tod, Wirklichkeit und Schöpfung ein Ganzes, das die menschliche Existenz demütig werden lässt.

Wenn ich den Zeilen von Byung-Chul Han’s Gedicht folge, das er für meine Arbeit am Bühnenwerk „Mondschatten“ geschrieben hat, wächst aus der Pflaumenblüte die Ganzheit unseres bedrückten, zerknirschten, geschändeten Überlebens in einer ausgehöhlten Gegenwart wie unverletzt hervor. Meine Musik folgt den Gedanken und Gestalten dieser Poesie natürlich nicht Zeile um Zeile, sondern in ihren Bildern und Gegenbildern in buddhistischer Tradition, die den Tod als Brücke zur Wiederkehr niemals verdrängt hat.

Ein großer europäischer Kosmopolit, George Steiner kann das heute auch so sagen: „Von überragender Wichtigkeit in diesem moto spirituale ist der implizite oder explizite Schluß auf die übernatürliche Kraft, auf das Grenzland. In sehr vielen Werken westlicher Kunst und Literatur ist davon die Rede, dass wir enge Nachbarn des Unbekannten sind, dass wir uns zwischen Ordnungen pragmatischer Substanz bewegen, die selbst durchlässig sind für das, was auf der anderen Seite liegt, was von jenseits „der Schattenlinie“ wirkt.
11. März 2005, Bremen Y.P.-P.
1) MONDSCHATTEN (2002-2005) Libretto von Julian Votteler (nach Sophokles. Ödipus auf Kolonos), unter Einbeziehung des Originaltextes von Byung-Chul Han. Auftragskomposition von Staatstheater Stuttgart.
2) George Steiner: „Von realer Gegenwart/Hat unser Sprechen Inhalt?“ (S.294), C.Hanser Verlag 1990.

 


Vadim Karassikov
„looming outlines of autumn“ (2001)
für Klarinette, Violine und Violoncello

Unter den russischen Komponisten der jüngeren Generation ist Vadim Karassikov der umstrittenste. Er polarisiert Publikum und Interpreten. Mit enormer Konsequenz ging er in den letzten Jahren gegen alle Anfeindungen seinen künstlerischen Weg, der vom Klingenden, zum Nicht-Klingenden, zur Stille führte. Sein bei den Donaueschinger Musiktagen 2003 uraufgeführtes Trio „Beyond the boundaries of silence“ ist, wie der Titel unmissverständlich verkündet, eine Art Endpunkt dieser Reise. Zu hören ist in diesem Werk so gut wie nichts mehr.
„looming outlines of autumn“ für Klarinette, Violine und Violoncello entstand zwei Jahre früher, im Jahr 2001. Es ist so gesehen noch diesseits der Grenzen des Schweigens, doch zeichnen sich dessen Konturen schon ab. Es ist eine extrem leise, spröde und doch spannungsgeladene Musik, die Karassikov hier komponiert. Und eine exakt konzipierte. „Die morphologische Struktur: von „looming outlines of autumn“ wird durch zwei Felder bestimmt. Während das erste Feld Klänge mit bestimmten Tonhöhen enthält, berücksichtigt das zweite Exponenten von Klängen mit unbestimmter (diffuser) Tonhöhe. Die verschiedenen Arten von Wechselbeziehungen und Interaktionen der Klänge aus diesen zwei Feldern formen die gesamte harmonische Struktur der Komposition.“

Die Grenzerfahrung der Hörschwelle wurde in der Geschichte der Moderne (und lange vorher) schon oft angestrebt. Insofern steht Karassikov in einer ehrwürdigen Tradition. Fehl ginge auch, wer ihm lediglich die Repetition von John Cages Kult-Stück 4’33 unterstellte. Karassikovs Definition der Stille ist poetisch-endzeitlich: „Die Stille dieser Musik ist die einer frosterstarrten Katastrophe, jedoch zugleich auch die eines unbegrenzten Glücks. Hier gelangen die Intensität der emotionalen Spannungen und die der geistigen Konzentration an ihre äußerste Grenze. Diese Stille – wie ich sie empfinde – hat die Kraft eines Kontinuums, umfasst sie doch durch die scheinbare Abwesenheit des Klanges alles klanglich Mögliche. Jeden einzelnen Klang, der die Grenzen dieses Kontinuums überschreitet, nehme ich als Ereignis on außergewöhnlichem, von wahrhaft unschätzbarem Wert wahr. (...) Worauf es ankommt, ist nicht die bloße Tatsache der Abwesenheit dessen, was für gewöhnlich als musikalisches Material erscheint, sondern vielmehr die außerordentliche Fassbarkeit dieses Grenzbereichs, in dem Musik sich zu formen beginnt und von wo aus sie sich aus der Starre der Gegenwart löst.“

Vadim Karassikov, geboren 1972 in Ekaterinburg, wo er bis 1993 an der Staatlichen Musikakademie studierte, danach bis 1998 unter anderem bei Edison Denissov am Tschaikowsky-Konservatorium in Moskau. 1996 Kompositionspreis des Internationalen Musikfestivals „Dialog“ in Moskau, 2001 Stipendium des Künstlerhofs Schreiyahn, 2002 Stipendium im Künstlerhaus Edenkoben. Aufführungen bei den wichtigen Festivals für neue Musik.

 


Pierluigi Billone
„MANI.GIACOMETTI“ (2000)
für Violine, Viola und VioloncelloEine Frage (in Form eines Dankes an Martin Heidegger)

Unsere Kultur hat dem Sagen in allen seinen Arten immer zentralere Bedeutung verliehen: dem Sagen, welches veranlasst, orientiert, Abstand gewährt, eine Rangfolge festlegt, welches einteilt, entscheidet, Perspektiven und Horizonte des praktischen Lebens schafft. Wenn diese Tendenz extreme Ausmaße annimmt, entsteht eine besondere Art der Verblendung und Taubheit (mit unterschiedlichen Abstufungen): nun hat das, was geschieht, nur dann noch Wirklichkeit und Würde, wenn es vom Sagen erfasst und anerkannt werden kann. Jedes andere Geschehen zerfällt zu einer unwesentlichen und zweitrangigen Form der Existenz, zerstreut sich in unklare Randbereiche und wird dort früher oder später völlig vergessen.

Das Sagen ist damit zu dem Ort geworden, wo die Ereignisse geschehen, und gleichzeitig entsteht ein unfasslicher Bereiche der „konkreten“ Entsprechungen zum Sagen.
Die Verblendung ist vollständig erreicht, wenn der Raum, in dem wir und die Dinge existieren können, sich einzig und allein durch das Sagen öffnen lässt: Tun und Denken beschränken sich (dem Anschein zum trotz) auf einen ganz engen Horizont und erschöpfen sich schließlich in bloßem Sagen (müssen also nicht einmal mehr darauf achten, eine konkrete Entsprechung zu haben). Dies ist ein Teufelskreis des Erstickens, im Hinblick auf seine Voraussetzungen, auf das, was durch ihn verhindert wird und auf seine Folgen.
Dem Sagen wird eine gänzlich abnorme und unangemessene Rolle verliehen. Es entsteht ein grobes Ungleichgewicht, eine Verarmung und Entleerung des Lebens und eine Schwächung des Denkens.

Das Sagen hat der Musik bereits einen Platz in seinen Hierarchien eingeräumt und ihr eine Rolle verliehen. Die vielfältigen Folgen davon sind offensichtlich und zeigen sich in der Art, wie man der Musik begegnet, wie man sie hört, macht und denkt.
Als Mensch und Musiker erlebe ich diese Situation von innen, spüre all dem gegenüber einerseits eine tiefe Befremdung und andererseits die Notwendigkeit und Dringlichkeit, ihrer erstickenden Verführung zu entkommen und einem anderen „Maß“ Raum zu geben. Man kann einen kleinen Schritt in eine andere Richtung machen, der jedoch (das ist wichtig) immer noch vom Sagen und von dessen eigentümlicher Macht ausgeht. Ich beziehe mich hier auf Martin Heideggers in Unterwegs zur Sprache: Sprache, glossa, lingua, langue und language bezeichnen ein und dieselbe Sache, jedenfalls scheint es so. Das Japanische, das sich durch die Berührung mit der abendländischen Kultur genötigt sieht, den Ausdruck „Sprache“ zu übersetzen, hat dafür das Wort „koto-ba“.


Diesem Zeichen nachzudenken, heißt, zu spüren/zu sehen, wie sich der vom Zeichen beherbergte Raum allmählich öffnet: seine Polaritäten werden sichtbar wie in einer Konstellation. In diesem Moment zeigt das Zeichen seine Kraft als „offenbarende Anwesenheit“.
Wenn wir uns mit dieser Anwesenheit ins Gespräch begeben, dann sagt uns Koto-ba: das Sagen zeigt sich, wenn du Welt, Baum, Blühen, Mund und Kokkoro als Einheit denkst. Mund und Kokkoro sind nur ein Pol des Ganzen, und du kannst sie nicht von den anderen Polen trennen.
Das Wichtigste jedoch, was Koto-ba uns sagt (zeigt-offenbart), ist dies: dass das Verständnis dessen, was dieser Verbundenheit zugrunde liegt, notwendigerweise still ist, eine präverbale Klarheit.
Wir haben es hier mit einem umfassenden Zusammenhang aus größter Tiefe und Konzentration zu tun, der noch nicht das Sagen für das Zentrum hält. Es ist Schreiben, im weitesten Sinne, das die chinesische Ideographie zu hüten imstande ist. Die Schriftzeichen und entsprechenden Wörter und das Wort Koto-ba, das sie zusammenhält (und sie im Sagen bewahrt), sind nur die Spur (in den Modi und Möglichkeiten von Schrift und Wort), die dieses Ereignis des stillen Verstehens hinterlässt, welchem es gelingt, das Sagen zu hören-sehen, eben weil es nichts mit dem Sagen zu tun hat.
Freilich ist das Hören auf das Wort Koto-ba unerschöpflich und bleibt immer offen, denn es weist ja nicht auf ein Objekt, sondern auf eine Verbindung hin und lässt sich somit nicht auf einen seiner Pole beschränken. Jeder Pol beinhaltet außerdem noch die ganze lebendige Instabilität des jeweils eigenen Rhythmus.
Dieses Wort ist also gleichzeitig:
- ein (allumfassendes) Blick-Wort
- ein äußerst langsam fließender Strom
In diesem Verstehensereignis erscheint der Mensch als Sprechender in den Zeichen für Mund und Kokkoro, dort auf der linken Seite, an unauffälliger Stelle, mitten im Anderen.
Eine Frage:
Ist es möglich, sich der Musik in stillem Verstehen zu nähern (ohne in die Falle des Psychologischen, intuitiven, irrationalen, Spontanen usw. zu tappen, also jener Arten des Verstehens, wie sie vom Sagen erschaffen werden)? Und auf jenen entmutigenden verbalen Durchfall zu verzeichnet, der ...
Pierluigi Billone (aus dem Italienischen von Barbara Maurer)

 


Stefano Gervasoni
An
„Qausi una serenata“
entstand 1989.

Im misslungenen Versuchen, über meine Musik zu sprechen, sammle ich meine Gedanken zu einer provisorischen und unfertigen Definition dessen, was ich versuche: das Spiel mit dem Vokabular der Musik, provisorisch und unfertig. Meine Gedanken sind Feststellungen a posteriori, sie erscheinen in einer Phase meiner Arbeit, die anderen provisorischen Phasen folgt und vorausgeht. Es ist schließlich nicht die Auseinandersetzung mit der Schlüssigkeit einer ästhetischen Theorie, was mich vorwärtstreibt, es ist nicht die Sicherheit einer letztlich gefundenen poetischen Heimat. Im Gegenteil. Ich bemerke, dass eine musikalische Phase sich erschöpft, wenn meine Gedanken konsequent eine Idee verfolgen; die erreichte Bewusstseinserhellung lähmt mich, und dann bin ich letztlich Herr über ein Scheitern. Ich ziehe es vor, mich von den Dingen leiten zu lassen: das neugierige, beunruhigte, sensible, unzufriedene Hinhören. Die Komposition ist in Alarmbereitschaft geschrieben, in Erwartung der Stille der Dinge.

Ich verdanke viel der Poesie von Toti Sciafoja. Auf einmal setzen die offensichtlichen Minimalismen Welten frei, und die gewohnten Objekte sind überraschend ungewohnt. Diese Objekte setzen unwahrscheinliche, aber glaubwürdige „Schwerelose Landschaften“ zusammen, die paradoxer- und absurderweise wahr sind, und umso unbekannter, desto mehr sie aus bekannten Elementen geformt sind. Komponieren heißt, unberechenbare Verbindungen zwischen Dingen zu suchen.
Drei Schubertsche Elemente bilden die Landschaft von „An“: Es sind drei sehr kurze Fragmente aus zwei Liedern von Schubert. Mit den Vokabeln der Schubertschen Musik spielend, habe ich eine neue Landschaft durchschritten. Jetzt muß ich sie verlassen.

Stefano Gervasoni
Musik im 20. Jhd., Saarbrücken 94
Geb. 1962 in Bergamo, studierte bei Luca Lombardi, Niccolò Castiglioni und Azio Corghi am Konservatorium „Giuseppe Verdi“ in Mailand. 1989 einjähriger Studienaufenthalt im Pariser IRCAM. Verschiedene Kompositionspreise. Lehrt als Dozent für Harmonielehre und Kontrapunkt am Konservatorium in Fermo.

 

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