GESANG DER JÜNGLINGE

 

Elektronische Musik
Der Lobgesang der drei Jünglinge ist eine Folge von Akklamationen aus den Apokryphen zum Buch Daniel, also weitgehend Allgemeingut. Die Komposition GESANG DER JÜNGLINGE bezieht sich auf die deutsche Fassung, die nach der Messe gebetet wird (es gibt mehrere gebräuchliche Übersetzungen des gleichen lateinischen Textes, von denen bei der Silben- und Wortauswahl je und je Gebrauch gemacht wurde). Es folgen die Zeilen, die das sprachliche Material stellten:

Preiset (Jubelt) den(m) Herrn, ihr Werke alle des Herrn –
lobt ihn und über alles erhebt ihn in Ewigkeit.

Preiset den Herrn, ihr Engel des Herrn –
preiset den Herrn ihr Himmel droben.

Preiset den Herrn, ihr Wasser alle, die über den Himmeln sind –
preiset den Herrn, ihr Scharen alle des Herrn.

Preiset den Herrn, Sonne und Mond –
preiset den Herrn, des Himmels Sterne.

Preiset den Herrn, aller Regen und Tau –
preiset den Herrn, alle Winde.

Preiset den Herrn, Feuer und Sommersglut –
preiset den Herrn, Kälte und starrer Winter.

Preiset den Herrn, Tau und des Regens Fall –
preiset den Herrn, Eis und Frost.

Preiset den Herrn, Reif und Schnee –
preiset den Herrn, Nächte und Tage.

Preiset den Herrn, Licht und Dunkel –
preiset den Herrn, Blitze und Wolken.

Das sind neun Verse des Lobgesangs, der noch weitere elf Verse in den gebräuchlichen Übertragungen enthält. (An Stelle von "Preiset"wurde je nach dem Zusammenhang "Jubelt" verwendet.)
Primär handelt es sich im Text um drei Worte (preiset den Herrn), die ständig wiederholt und in deren Zusammenhang allerlei Dinge aufgezählt werden. Es ist klar, daß man diese Aufzählung beliebig fortsetzen oder auch nach der ersten Zeile abbrechen sowie Zeilen und Worte permutieren kann, ohne den eigentlichen Sinn zu ändern: "alle Werke".
Der Text kann also besonders gut in rein musikalische Strukturordnungen integriert werden (vor allem in die permutatorisch-serielle) ohne Rücksicht auf die literarische Form, auf deren Mitteilung oder anderes. Es wird mit den "Jünglingen" an ein kollektives Gedankengut erinnert: taucht irgendwann das Wort "preist" auf und ein andermal "Herrn" – oder umgekehrt –, so erinnert man sich eines schon immer gekannten sprachlichen Zusammenhangs: die Worte werden memoriert, und dabei geht es vor allem darum, daß sie überhaupt und wie sie memoriert werden, und sekundär um den Inhalt im einzelnen; die Konzentration richtet sich auf das Geistliche, Sprache wird rituell.

 

Samstag, 27. Mai, 20.00 Uhr
Werkstatt Manfred Egender, Thalbachgasse 4, Bregenz

Karten

freier Eintritt   
e-mail: information@tageauskunst.com

 

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Programmtext für die Uraufführung im WDR-Konzert Musik der Zeit am 30. 5. 1956.
Die Arbeit an der elektronischen Komposition GESANG DER JÜNGLINGE ging von der Vorstellung aus, gesungene Töne mit elektronisch erzeugten in Einklang zu bringen: sie sollten so schnell, so lang, so laut, so leise, so dicht und verwoben, in so kleinen und großen Tonhöhenintervallen und in so differenzierten Klangfarbenunterschieden hörbar sein, wie die Phantasie es wollte, befreit von den physischen Grenzen irgendeines Sängers. So mußten auch sehr viel differenziertere elektronische Klänge komponiert werden als bisher, da gesungene Sprachlaute wohl das Komplexeste an Klangstruktur darstellen – in der weiten Skala von den Vokalen (Klängen) bis zu den Konsonanten (Geräuschen) – und also eine Verschmelzung aller verwendeten Farben in einer Klangfamilie nur dann erlebbar wird, wenn gesungene Laute wie elektronische Klänge, wenn elektronische Klänge wie gesungene Laute erscheinen können. Die gesungenen Klänge sind an bestimmten Stellen der Komposition zum verständlichen Wort geworden, zu anderen Zeitpunkten bleiben sie reine Klangwerte, und zwischen diesen Extremen gibt es verschiedene Grade der Wortverständlichkeit. Einzelne Silben und Worte sind dem Gesang der Jünglinge im Feuerofen (3. Buch Daniel) entnommen. Wo immer also aus den Klangzeichen der Musik für einen Augenblick Sprache wird, lobt sie Gott.–
Ebenso wesentlich wie ein so neues Erlebnis musikalischer Sprache ist auch das Folgende: In dieser Komposition
wird die Schallrichtung und die Bewegung der Klänge im Raum erstmalig vom Musiker gestaltet und als eine neue Dimension für das musikalische Erlebnis erschlossen. Der GESANG DER JÜNGLINGE ist nämlich für 5 Lautsprechergruppen komponiert, die um die Hörer im Raum verteilt sein sollen. Von welcher Seite, von wie vielen Lautsprechern zugleich, ob mit Links- oder Rechtsdrehung, teilweise starr und teilweise beweglich die Klänge und
Klanggruppen in den Raum gestrahlt werden, das alles wird für dieses Werk maßgeblich.

Anfang des Vortrages Musik und Sprache für die Darmstädter Ferienkurse 1957, zuerst veröffentlicht in die Reihe 6, Wien 1958.

 

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