horror vacui - Einleitungstext der »reihe 0« 2007:

Ein auf vier Teile angelegter Zyklus * ist nun abgeschlossen und legt eine Neuorientierung nahe. Zurück an den Start, mit Bedacht auf die Programme der vergangenen Jahre, ist Motiv der Ausgaben 2007 / 2008. Wir haben mit der Villa Maund in Hopfreben einen festen künstlerischen Ort gefunden, ganz verzichten wir auf die bisherigen Veranstaltungsorte nicht, doch soll das Programm künftig, wo sinnvoll, in Hopfreben über die Bühne gehen. Aus verschiedenen Gründen wird das erst ab 2008 möglich sein. Deswegen planen wir für heuer eine Reihe außer Konkurrenz, einige wenige Programmpunkte nur, die die Ausrichtung des Festivals pro futura präsentieren, über die Vergabe von Kompositionsaufträgen, über Einladungen an Künstler, die vor Ort ihre Konzepte entwickeln und umsetzen. Die reihe 0 wechselt also ihre Motivlage hinsichtlich der Produktionsverhältnisse, schreibt einen Versuch an Musikgeschichte, nicht um der Geschichte / Nobilierung willen, sondern aus Interesse am Schaffen ausgesuchter Künstler. Themenvorgabe dabei ist horror vacui / fuga vacui ** die Angst resp. Flucht vor dem Nichts.

10 KomponistInnen, die wir angefragt haben für uns zu schreiben, werden sommers 2007 in fünf Konzerten und einem musikalischen Landschaftsbild portraitiert, sie stellen den die Arbeiten bestimmenden Kontext her, grundieren das Festivalthema für 2008. Die »reihe 0«, 2007 fällt also sehr konzentriert aus, nächstes Jahr dann greifen die Aufträge im Programm und wir bespielen wieder den gewohnten Umfang.

 

 

*  zu einer Chronologie des Hörens mit Konzerten, auch Lesungen, einem Philosophicum zum Kulturbegriff, Filmabenden, Zweitschwerpunkten wie Georgien oder 2003 Albanien, zu "Anfängen" in der Musikgeschichte, neuen Formen, Gattungen, Satztypen, Paradigmenwechseln et cetera, zu einer Topologie des Ganzen schließlich 2006, dem Versuch, ein Wissen um den Ort der Musik herauszubuchstabieren –

**  In der scholastischen Philosophie denkt dieser Begriff an eine Natur, die aktiv vor der Leere zurückschreckt – "Wasserdieb(stahl)", Problematik des Vakuums, Verdrängungsphantasien. Die Magdeburger Versuche Guerickes zum leeren Raum bspw. bringen den atmosphärischen Luftdruck publikumswirksam aufs Tapet, interessant sind Korrespondenz- resp. paneuropäische Übersetzungslinien solcher Schriften. In der islamischen Architektur (m. E.) intendiert "horror vavui" die vollständige Ornamentierung einer Fläche, löst den Hintergrund konsekutiv auf, lässt Architektur als Vermittlung dreidimensionaler, haptischer Räume praktisch verschwinden – Prunkbauten in Samarkand etwa illustrieren dies, Ornamente und Flächigkeit variieren architektonische Volumen. Die ikonographischen Motive stehen hier Aggressivpraxen gegenüber, eroberte Gebiete zu plündern und "Eigenes" oberflächlich mit "Fremdem" zu zieren – "das opulente Ornament als der vollkommene Ausdruck von Macht". Auch das wird musikalisch thematisiert werden.

Künstler unserer Zeit widmen sich dem "horror vacui"-Phänomen explizit. Unser Ansatz wird diese Thematik variantenreich zu interpretieren suchen und neben Arbeiten, die spezifisch für das Festival verfasst werden, durch die Reihen der Musikgeschichte gehen. Komponisten, deren kontrapunktische Verfahren nicht eine einzige Stelle unbedacht lassen, die Sequenz (im Unterschied zur Wiederholung) als Strategie / Schutzargument des Aufschubs, serielle Techniken im Allgemeinen – Diktat des Formalen –, (spätromantische) Überladung und (barocke) Verzierungswut, die Praxis der Diminution, Tonalität als Bedürfen und Komplexität et cetera sind Punkte, die den Themenkern in einem direkten Bezug nachzeichnen lassen. Demgegenüber sollen genrenahe Momentaufnahmen ein künstlerisch gegenläufiges Verfahren ins Feld bringen – auskomponierte Stille, Lamento, Mangel, Trauermusiken als negativ dialektische Anerkennung der Todesdimension, musikalisches Opfer, biographische Bezüge zur Leere, das musikalische Versteckspiel – Musik in der Natur, Musik aus dem Nebenzimmer, im Foyer, Musik ohne bauliche Resonanz – auf eine Weise Echo –, Musik für Endzeitstimmungen und Virtuosentum, die Angst vor dem Nichts als Wahrnehmung dessen, was für Stille / Leere gehalten wird, Verzicht (norddeutscher Spaltklang), Komponieren vor dem leeren Blatt – das Ohr als Organ der Furcht, Sirenen mit Alarmfunktion, Sendepausen bzw. -störungen im Radio werden automatisiert überbrückt. Die Assoziationsreihe ließe sich fortsetzen.


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